{"id":5551,"date":"2018-04-01T10:44:49","date_gmt":"2018-04-01T17:44:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/?p=5551"},"modified":"2018-04-03T09:17:15","modified_gmt":"2018-04-03T16:17:15","slug":"mongolei-nordkorea-usa-gipfel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/2018\/mongolei-nordkorea-usa-gipfel\/","title":{"rendered":"Mongolische Beziehungen zu Nordkorea und USA"},"content":{"rendered":"<p><em>Julian Dierkes<\/em><\/p>\n<p>[Eine <a href=\"http:\/\/www.ipg-journal.de\/regionen\/asien\/artikel\/detail\/trump-kim-und-die-mongolei-2660\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">k\u00fcrzere Version dieses Artikels<\/a> ist bei <a href=\"http:\/\/www.ipg-journal.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Internationale Gesellschaft und Politik<\/em><\/a> am 3.4.2018 erschienen.]<\/p>\n<p>Im Laufe der letzten sechs Monate hat sich die koreanischen Halbinsel wieder zu <em>dem<\/em> globalen Brennpunkt entwickelt. An der Situation in Nordkorea selber scheint sich nicht unbedingt viel ver\u00e4ndert zu haben, doch die Drohgeb\u00e4rden zwischen Donald Trump und Kim Jong-un haben zugenommen und im Zuge dieser Entwicklung auch konkretere Drohungen mit neuen und \u201everbesserten\u201c Waffentypen.<\/p>\n<p>Dann hat die Olympiade dieser Eskalation aber anscheinend ein Ende gemacht. Erstaunt stellt die Welt fest, dass auf unbedeutende Eishockeyspiele (f\u00fcr Korea, umso bedeutender f\u00fcr ein deutsches \u201eWinterm\u00e4rchen\u201c) die \u00fcberraschende Ank\u00fcndigung kam, dass sich die Herren Trump und Kim in den n\u00e4chsten sechs Wochen treffen wollen. Kims Besuch in Beijing Ende M\u00e4rz war eine weitere Fortsetzung dieser Entwicklung auf irgendeine Form von Dialog hin.<\/p>\n<div id=\"attachment_5559\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/files\/2018\/04\/Seoul-Pavillion.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5559\" class=\"size-medium wp-image-5559\" src=\"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/files\/2018\/04\/Seoul-Pavillion-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/files\/2018\/04\/Seoul-Pavillion-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/files\/2018\/04\/Seoul-Pavillion-768x512.jpg 768w, https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/files\/2018\/04\/Seoul-Pavillion-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5559\" class=\"wp-caption-text\">Seoul Pavillon on Seoul Street. State Department Store in Background.<\/p><\/div>\n<p>Details zur Planung eines Treffens und noch viel mehr zum Inhalt eines Treffens werden wohl ebenso wie das Treffen \u00fcberhaupt im Verborgenen oder sonst \u2013 einseitig \u2013 auf Twitter ausgehandelt werden. Trotzdem stellt sich die Welt und\u00a0 die Region Nordostasien auf ein solches Treffen ein und Gedankenspiele zum Ablauf und zu den Folgen eines solchen Treffens tragen zu den Abw\u00e4gungen um das Treffen bei.<\/p>\n<h2>Die Mongolei als Treffpunkt<\/h2>\n<p>Am 16. M\u00e4rz hat sich der Chef des mongolischen Pr\u00e4sidentschaftsamts, Z Enkhbold, separat mit amerikanischen und nordkoreanischen Diplomaten getroffen um das Interesse der mongolischen Regierung an einer Ausrichtung eines Kim-Trump-Gipfels zu bekunden. Diese beiden Treffen deuten an, warum die Mongolei eine Rolle in den Gespr\u00e4chen mit Nordkorea spielen kann, denn in Ulaanbaatar gibt es immerhin eine amerikanische und eine nordkoreanische Botschaft. Das trifft auch f\u00fcr Berlin zu, aber wann hat der letzte Besuch eines deutschen Au\u00dfenministers oder irgendeiner Ministerin in Nordkorea stattgefunden? Der mongolische Au\u00dfenminister D Tsogtbaatar war Anfang Februar in Pj\u00f6ngjang, unter anderem um das 70j\u00e4hrige Jubil\u00e4um der diplomatischen Beziehungen zwischen Nordkorea und der Mongolei zu feiern. Z Enkhbold war kurz vor den Terminen mit den Botschaftsoffiziellen von einer Reise in die USA zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Ob der Protagonisten der derzeitigen Planungen f\u00fcr einen Trump-Kim-Gipfel ist \u00fcberhaupt nicht vorherzusehen wie, wo und wann solch ein Treffen stattfinden w\u00fcrde. Als Ort ist dabei die Grenze zwischen Nord- und S\u00fcdkorea am Wahrscheinlichsten. Sollte es aber Gr\u00fcnden geben, solch ein Treffen nicht auf der koreanischen Halbinsel abzuhalten, so dr\u00e4ngt sich Ulaanbaatar als eine der Alternativen auf.<\/p>\n<p>F\u00fcr Ulaanbaatar sprechen in diesem Zusammenhang viele Gr\u00fcnde, aber der gewichtigste ist wohl, dass die Mongolei zumindest im Hinblick auf einen Austausch zwischen den USA und Nordkorea als neutral gilt. Die lange bestehenden Beziehungen mit Nordkorea sind seit der demokratischen Revolution in 1990 nicht abgebrochen, aber seitdem haben sich auf freundschaftliche Beziehungen zur USA entwickelt. Die Mongolei ist eines der wenigen L\u00e4nder, in denen sich nordkoreanische Offizielle einigerma\u00dfen wohlzufinden zu scheinen. Ob dies auch f\u00fcr Kim Jong-un selber gilt, ist nicht bekannt, aber der nordkoreanische Vizeau\u00dfenminister Ri Jong-ho, der im M\u00e4rz in Schweden zu Besuch ist, hat noch letztes Jahr am Ulaanbaatar Dialog teilgenommen und sich bei dieser Gelegenheit mit einzelnen Vertretern z.B. der japanischen und kanadischen Regierung getroffen und an \u00f6ffentlichen Diskussionen mit s\u00fcdkoreanischen und amerikanischen Akademikern teilgenommen. Die nordkoreanische Weltsicht ist auf einer akuten Bedrohung durch die USA aufgebaut, so dass dieses vermeintliche Wohlf\u00fchlen in der Mongolei ein wichtiger Faktor in der Planung sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Geografie spielt auch im Internetzeitalter noch eine Rolle, denn es scheint unwahrscheinlich, dass Kim eine l\u00e4ngere Strecke mit dem Flugzeug auf sich nehmen w\u00fcrde. Es ist zwar nicht bekannt ob er die Flugangst seines Vaters geerbt hat, aber der nordkoreanischen Regierungsmaschine wird er sich wohl kaum anvertrauen, wie wir gerade bei seiner Reise nach Beijing gesehen haben, und ein ausl\u00e4ndisches Flugzeug scheint auch unwahrscheinlich. Ulaanbaatar ist hingegen mit dem Zug zu erreichen. Der \u201edirekteste\u201c Weg w\u00fcrde dabei \u00fcber Beijing f\u00fchren. Die Alternative w\u00e4re der lange Weg durch Russland von Wladiwostok \u00fcber Ulan-Ude nach Ulaanbaatar. Umst\u00e4ndlich aber machbar ohne durch oder \u00fcber das Territorium von direkten USA-Verb\u00fcndeten zu reisen.<\/p>\n<p>Dazu kommt auch noch eine historische Komponente, denn w\u00e4hrend des Koreakrieges wurden Hunderte nordkoreanischer Kinder in die Mongolei evakuiert und der mongolische Botschafter ist als einziger ausl\u00e4ndischer Repr\u00e4sentant w\u00e4hrend der Bombardierung Pj\u00f6ngjangs in der Stadt verblieben, zwei Gesten und Umst\u00e4nde, die der Mongolei in Nordkorea immer noch hoch angerechnet werden. Beide Aspekte der gemeinsamen Geschichte werden in Nordkorea offensichtlich immer noch sehr wertgesch\u00e4tzt, was die Beziehungen weiterhin positiv beeinflusst.<\/p>\n<h2>Die mongolische Au\u00dfenpolitik und Nordkorea<\/h2>\n<p>Seit 1990 orientiert sich die mongolische Au\u00dfenpolitik um drei Bezugsgruppen: 1. die beiden direkten Nachbarn, Russland und China, 2. weiter entfernte \u201eDrittnachbarn\u201c, 3. internationale Organisationen. Auf allen drei Ebenen decken sich diese au\u00dfenpolitischen Ziele mit dem Versuch als Vermittler zwischen Nordkorea und der Welt zu fungieren.<\/p>\n<div id=\"attachment_5533\" style=\"width: 261px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/files\/2018\/03\/Kim-Jong-Il-Kindergarten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5533\" class=\"size-medium wp-image-5533\" src=\"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/files\/2018\/03\/Kim-Jong-Il-Kindergarten-251x300.jpg\" alt=\"\" width=\"251\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/files\/2018\/03\/Kim-Jong-Il-Kindergarten-251x300.jpg 251w, https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/files\/2018\/03\/Kim-Jong-Il-Kindergarten.jpg 675w\" sizes=\"auto, (max-width: 251px) 100vw, 251px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5533\" class=\"wp-caption-text\">Kim Jong-il Kindergarten in Darkhan City<\/p><\/div>\n<h3>China<\/h3>\n<p>Die Mongolei hat nur zwei Nachbarn, weshalb das oberste Gebot der Au\u00dfenpolitik sein muss, die Beziehungen mit diesen Nachbarn positiv und konstruktiv zu gestalten. Das gelingt gr\u00f6\u00dftenteils. Hindernisse, wie sie anderswo existieren, gibt es hier f\u00fcr die Mongolei nicht. Z.B. gibt es keine Grenzkonflikte und auch keine russische oder chinesische Diaspora in der Mongolei. Das Interesse der Mongolen in der Inneren Mongolei (VR China) an der Mongolei, oder der Buriaten in Sibirien an der Mongolei h\u00e4lt sich auch in, \u00e4h, Grenzen. China dominiert die mongolische Wirtschaft sowohl als Kunde f\u00fcr Rohstoffe, als auch als Lieferant f\u00fcr Konsum- und Investitionsg\u00fcter. Die wirtschaftliche Beziehung zu Russland beschr\u00e4nkt sich auf Energiezufuhr.<\/p>\n<p>F\u00fcr beide Nachbarn hat sich Nordkorea \u00fcber die Jahre von einem Alliierten zu einem Problem gewandelt. Die derzeitigen Spannungen mit den USA beruhen z.T. darauf, dass das chinesische Regime lange auch keinen Zugang mehr zu Kim und seiner F\u00fchrungsclique hatte. Das scheint sich mit dem Besuch Kims in Beijing vielleicht ge\u00e4ndert zu haben, aber es ist unwahrscheinlich, dass dieser eine Besuch, den Verfall der Beziehungen \u00fcber die letzten zehn Jahre wieder gutgemacht hat. Deshalb scheinen Teile des chinesischen Regimes mongolische Initiativen zur Einbindung Nordkoreas willkommen zu heissen, wie an einer Meinungskolumne im Propagandablatt Global Times am 16.3.2018 zu erkennen ist.<\/p>\n<h3>Drittnachbarn<\/h3>\n<p>Zu den dritten Nachbarn geh\u00f6ren L\u00e4nder in der Region, also Indien, Japan und S\u00fcdkorea, aber auch weiter entfernte Partner wie Australien, Deutschland, Kanada und die USA. Die Beziehungen zu diesen L\u00e4ndern beruhen auf dem Status der Mongolei als isolierte Demokratie in einer nicht sehr demokratiefreundlichen Umgebung. Diesen Status hat die Mongolei in den letzten Jahren durch die Teilnahme an und Ausrichtung von internationalen Foren wie der Community of Democracies, aber auch dem Asia Europe Gipfel ausgebaut. Alle Angebote der Mittlung mit Nordkorea w\u00fcrden diese Drittnachbarn in ihren Bem\u00fchungen einer Vermeidung von weiteren Konflikten unterst\u00fctzen und damit auch willkommen hei\u00dfen.<\/p>\n<h3>UN<\/h3>\n<p>Auf der internationalen Ebene hat sich die Mongolei vor allem im Kontext der Vereinten Nationen als Land etabliert, das weit \u00fcber seine politische oder wirtschaftliche Bedeutung hinaus wahrgenommen wird. So ist die Mongolei seit 2012 als atomwaffenfreier Staat anerkannt, nimmt rege an UN Friedensmissionen teil, und kandidiert f\u00fcr einen Sitz im Weltsicherheitsrat f\u00fcr 2022. Gerade im Bezug auf Atomwaffen w\u00fcrde die Mongolei im Konflikt USA-Nordkorea eine besonders bedeutungsvolle Rolle spielen.<\/p>\n<h3>Nordostasien<\/h3>\n<p>Hinzu kommt auch noch, dass die Mongolei sich in den letzten Jahren in au\u00dfenpolitischen Initiativen immer mehr auf (Nord)Ostasien konzentriert hat. Bestes Beispiel hier ist das Freihandelsabkommen mit Japan, 2015 unterschrieben und 2016 in Kraft getreten. Dieser regionale Bezug ist noch nicht formell zu einer vierten S\u00e4ule der Au\u00dfenpolitik erkl\u00e4rt worden, kristallisiert sich in diesem Sinne aber immer weiter heraus. Das gr\u00f6\u00dfte Hindernis in der Entwicklung der Wirtschaftsregion Nordostasien bleibt aber weiterhin Nordkorea. Alles, was die Mongolei tun kann, um dieses Hindernis auf friedlichem Wege zu nivellieren, dient dieser Au\u00dfenpolitik. Auch wenn der Versuch \u00fcber Investitionen in Nordkorea Fu\u00df zu fassen gescheitert zu sein scheint, w\u00fcrde eine Entspannung im Verh\u00e4ltnis um Nordkorea der Mongolei evtl. direkteren Zugang zu H\u00e4fen (wenn auch \u00fcber Russland oder China) verschaffen. Ganz langfristig k\u00f6nnte so auch ein ostasiatisches Stromnetzwerk aufgebaut werden, \u00fcber den ein vermeintlicher Reichtum an Solarstrom aus der Mongolei in die Region verteilt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<h2>Weitere Schritte<\/h2>\n<p>Nach dem Angebot an die USA und an Nordkorea k\u00f6nnte die Mongolei weitere Schritte gehen. \u00dcber internationale Medien k\u00f6nnte das Verh\u00e4ltnis der Mongolei zu Nordkorea erkl\u00e4rt und damit die Argumentation f\u00fcr die Mongolei als Standort etwaiger Nordkoreainitiativen gest\u00e4rkt werden. Der ehemalige mongolische Pr\u00e4sident, Ts Elbegdorj, hat vor ein paar Jahren den Ulaanbaatar Dialog ausgerufen, eine j\u00e4hrliche Zusammenkunft von regierungsnahen Repr\u00e4sentanten aus L\u00e4ndern mit einem Interesse an Sicherheitsfragen in Ostasien. Letztes Jahr hat bei dem Forum auch ein Vizeau\u00dfenminister Nordkoreas, Ri Jong-ho, teilgenommen, und sich im Laufe der Veranstaltung mit Regierungsvertretern aus Kanada und Japan getroffen und mit Wissenschaftlern und regierungsnahen Organisationen aus China, S\u00fcdkorea, den USA und auch Deutschland diskutiert. Die Veranstaltung ist auch durch Mittel der Friedrich-Ebert-Stiftung unterst\u00fctzt worden. Bisher wurde die Veranstaltung vom mongolischen Institute for Strategic Studies organisiert, dessen Direktor, D Ganbat, jetzt der mongolische Botschaft in der Bundesrepublik ist.<\/p>\n<p>Seit der Wahl letzten Sommer steht die Frage im Raum, ob der neue Pr\u00e4sident, Kh Battulga, den Ulaanbaatar Dialog auch unterst\u00fctzt. Die Initiative zu diplomatischen Gespr\u00e4chen im M\u00e4rz legt nahe, dass der Pr\u00e4sident das strategische Potential des Dialogs erkannt hat. Unabh\u00e4ngig davon ob es letztendlich zu einem Gipfeltreffen Kim-Trump kommt, k\u00f6nnte der Dialog ein weiterer und wichtiger Schritt in einer Deeskalation der Spannungen in Nordostasien sein. Die Mongolei hat sich hier strategisch geschickt positioniert und es sollte auch anderen L\u00e4ndern klar sein, dass diese Position viel positives Potential birgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Julian Dierkes [Eine k\u00fcrzere Version dieses Artikels ist bei Internationale Gesellschaft und Politik am 3.4.2018 erschienen.] Im Laufe der letzten sechs Monate hat sich die koreanischen Halbinsel wieder zu dem globalen Brennpunkt entwickelt. 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