{"id":7752,"date":"2022-12-29T00:14:16","date_gmt":"2022-12-29T08:14:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/?p=7752"},"modified":"2023-01-23T14:48:16","modified_gmt":"2023-01-23T22:48:16","slug":"mongolei-demokratie-politikteil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/2022\/mongolei-demokratie-politikteil\/","title":{"rendered":"Flop 5 der mongolischen Politik"},"content":{"rendered":"<p><em>By Julian Dierkes<\/em><\/p>\n<p>Ich h\u00f6re inzwischen sehr gerne Podcasts, sei es um die Bundesliga zu verfolgen, kanadische Nachrichten besser zu verstehen, oder auch Entwicklungen in Deutschland nicht ganz aus dem Auge zu verlieren.<\/p>\n<p>Einer meiner Lieblingspodcasts in diesem Zusammenhang ist &#8220;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/serie\/das-politikteil\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Politikteil<\/a>&#8221; als Teil des Zeit-Podcastimperiums. Die Zeit Moderatoren sind selbstverst\u00e4ndlich sehr gut informiert, haben aber auch immer gute und tiefgreifende Fragen f\u00fcr ihre G\u00e4ste. Wer schon mal das Politikteil geh\u00f6rt hat, weiss dass es dabei auch ein paar wiederkehrende Rubriken gibt, wie z.B. ein Ger\u00e4usch, was G\u00e4ste mitbringen, oder aber auch die &#8220;Flop 5&#8221;.<\/p>\n<p>Mit gro\u00dfem Schrecken musste ich in der <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/2022-12\/jahresrueckblick-2022-politikpodcast\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">letzten 2022 Ausgabe<\/a> h\u00f6ren, dass die Reaktion offensichtlich die &#8220;Flop 5&#8221; abschaffen will, auch wenn noch die H\u00f6rerInnenreaktion abgewartet werden soll.<\/p>\n<h2>Flop5 Behalten<\/h2>\n<p>Was gef\u00e4llt mir denn an den Flop5? Erstmal mag ich Rubriken in Podcasts generell gerne, weil sie den Folgen etwas Struktur geben und regelm\u00e4\u00dfige H\u00f6rerInnen belohnen.<\/p>\n<p>An den Flop5 gef\u00e4llt mir aber v.a. auch, dass ich mich in die G\u00e4stInnen versetzen kann und meine Flop5 im Bezug auf meine Expertise auch gerne loswerden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das tolle am Politikteil ist ja a) die Tiefe, in die Gespr\u00e4che gehen k\u00f6nnen, und b) die Interaktivit\u00e4t der Unterhaltung mit einer\/m ExpertIn. Deshalb find ich aber auch, dass G\u00e4stInnen etwas anbringen k\u00f6nnen sollen, da wir als ExpertInnen ja auch oft genug mit JournalistInnen sprechen, die danach alle m\u00f6glichen Aspekte eines Themas hervorheben, die wir so gar nicht relevant finden, die Flops n\u00e4mlich. Und es macht doch auch ein bisschen Spa\u00df solche Klischees zu dissen, oder?<\/p>\n<h2>\u00c4nderungsvorschlag<\/h2>\n<p>Aber, ich verstehe schon, warum \u00fcber eine Abschaffung der Flop5 nachgedacht wird. Zwei Gr\u00fcnden fallen mir dazu besonders ein: a) machmal sind 5 zu viele, und b) oft ist es f\u00fcr ExpertInnen, glaube ich, schwierig zu unterscheiden, was sie an dem Gegenstand ihrer Expertise nervt, und was sie an den Diskussionen \u00fcber den Gegenstand ihrer Expertise nervt.<\/p>\n<p>Also, vielleicht Flop3, auch wenn sich das nicht einmal fast reimt? Und, strengere Anweisungen an die ExpertInnen sich wirklich an den Diskurs \u00fcber das Ph\u00e4nomen zu halten, nicht das Ph\u00e4nomen selber?<\/p>\n<h2>Alternative?<\/h2>\n<p>Vielleicht ist das zu akademisch gedacht, aber die meisten ExpertInnen k\u00f6nnen auf Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze verweisen, die ihren eigenen gegen\u00fcberstehen. Vielleicht k\u00f6nnten sie diesen Ansatz benennen und sich selber kurz damit auseinandersetzen. Als Rubrik vielleicht &#8220;Das Widerspenst&#8221;? Zu klever?<\/p>\n<h1>F\u00fcr den Fall der Abschaffung: Meine Flop5 der mongolischen Politik<\/h1>\n<p>Da es sehr unwahrscheinlich ist, dass das Interesse an der mongolischen Politik in Deutschland so stark ist, dass ich als Gast zum Politikteil eingeladen werde, hier deshalb schon mal sicherheitshalber meine Flop der mongolischen Politik, also f\u00fcnf Ausdr\u00fccke, von denen ich mir w\u00fcnschen w\u00fcrde, dass sie aus Diskussionen \u00fcber die mongolische Politik verschwinden sollten.<\/p>\n<h2>1. Dschingis Khaan<\/h2>\n<p>Oh ja! Wenn es schon einen 1980er Schlager \u00fcber einen historischen Politik des Themas gibt ist das ja ein klarer Indikator, dass dieser Aspekt nie mehr genannt werden sollte. Aber, leider, gibt es fast keinen Artikel \u00fcber die Mongolei, der nicht auch einen Hinweis auf den gro\u00dfen Khaan beinhaltet. In diesem Zusammenhang m\u00f6chte ich explizit darauf Hinweisen, dass z.B. <a href=\"https:\/\/foreignpolicy.com\/2022\/10\/27\/mongolia-independence-russia-china-relations-ukraine\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mein Artikel f\u00fcr Foreign Policy im Oktober 2022<\/a> das mongolische Reich in keinster Weise erw\u00e4hnt hat.<\/p>\n<h2>2. &#8220;Die Mongolei, ein Land zwischen Russland und China&#8221;<\/h2>\n<p>Oder, noch h\u00e4ufiger in der englischen Version, &#8220;a landlocked country between Russia and China&#8221;. Ja ja, es stimmt ja, dass die Mongolei als Binnenland zwischen Russland und China eingeschlossen ist. Und ja, dass ist f\u00fcr die mongolische Politik auch ein sehr wichtiger Faktor, vielleicht schon fast im Sinne eines geografischen Determinismus, zumindest was die Aussenpolitik angeht. Und ja, die meisten Zuh\u00f6rerInnen\/LeserInnen wissen oft ja gar nicht wo die Mongolei liegt oder dass sie nicht ein Teil Chinas ist, aber&#8230; ich bin diesen Satz einfach leid.<\/p>\n<h2>3. Politische Verschw\u00f6rungen<\/h2>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der Erkl\u00e4rungen f\u00fcr politische Entwicklungen die mir meine vielen mongolischen Kontakte anbieten sind letztendlich <a href=\"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/2018\/plethora-of-conspiracies\/\">politische Verschw\u00f6rungen<\/a>, entweder innerhalb der mongolischen Parteien oder Komplotte die chinesische oder russische Geheimdienste und andere Akteure schmieden. Wie bei allen Verschw\u00f6rungstheorien ist der Hauptfehler hier, dass diese unwiderlegbar sind. Die gro\u00dfe Gefahr im mongolischen Kontext ist aber auch, dass diese Verschw\u00f6rungen mongolischen W\u00e4hlerInnen jegliche <em>agency<\/em> absprechen um Ver\u00e4nderungen herbeizuf\u00fchren. Es ist aber genau diese M\u00f6glichkeit Ver\u00e4nderungen herbeizuf\u00fchren, die MongolInnen von B\u00fcrgerInnen so vieler L\u00e4nder unterscheidet, die keinerlei demokratische Rechte haben.<\/p>\n<p>Verschw\u00f6rungstheorien sind immer dann ganz pr\u00e4sent wenn es um Demonstrationen geht. Als am 5.12. z.B. Proteste ausbrachen und u.a. auch der Regierungspalast gest\u00fcrmt wurde, haben viele mongolische Kontakte mich belehrt, dass das alles nur durch Pr\u00e4s. Khurelsukh inszeniert sein, weil er damit den Parteikongress beeinflussen wollte, der die Woche stattfinden sollte. Diese Erkl\u00e4rungen haben mich in dem Moment so genervt, dass ich f\u00fcr <a href=\"https:\/\/thediplomat.com\/2022\/12\/mass-protests-in-mongolia-decry-coal-mafia-corruption\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The Diplomat gleich einen Artikel<\/a> geschrieben habe um andere Erkl\u00e4rungen anzubieten. Wenn man sich anschaut, wie sich die <a href=\"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/2022\/december-2022-protests\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Proteste \u00fcber zwei Wochen entwickelt haben<\/a>, hatte ich wohl recht.<\/p>\n<p>Die internationalen Verschw\u00f6rungen sind \u00e4hnlich unproduktiv. Meisten glaube ich einfach nicht, dass die Mongolei den Regimes in Moskau oder Beijing wichtig genug sind um tats\u00e4chlich die Ressourcen zu investieren, die f\u00fcr gro\u00dfe Verschw\u00f6rungen notwendig w\u00e4ren. In diesem Zusammenhang war ich w\u00e4hrend meines letzten Mongolei-Besuchs im November 2022 sehr entt\u00e4uscht, dass sich keine Spione aus der russischen oder chinesischen Botschaft gemeldet haben, nachdem ich deren <a href=\"https:\/\/blogs.ubc.ca\/mongolia\/2022\/young-people-leaving-retail-business-spied-on\/\">Kommentare zu meinen Analysen hier doch explizit eingeladen<\/a> hatte.<\/p>\n<h2>4. Die holl\u00e4ndische Krankheit und auch Ressourcenfalle<\/h2>\n<p>Fast jeder journalistische Artikel in europ\u00e4ischen, australischen oder nordamerikanischen Medienprodukte der letzten 15 Jahre muss \u00fcber den Bergbau in der Mongolei schreiben. Klar ist das ein wichtiges Thema, f\u00fcr die Wirtschaft sogar <em>das<\/em> Thema, aber eben nicht das <em>einzige<\/em> Thema.<\/p>\n<p>Aber nein, Mongolei ist nicht von der <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/dutch_disease-ld.423519\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">holl\u00e4ndischen Krankheit<\/a> befallen und das war auch nie eine Gefahr, denn dabei geht es ja v.a. um Wechselkurse und inl\u00e4ndische Inflation, die durch die ausl\u00e4ndischen Rohstoffverk\u00e4ufe gesch\u00fcrt wird. Und inl\u00e4ndische produzierende Industrie, die durch die W\u00e4hrungsentwicklung gef\u00e4hrdet w\u00e4re, gibt es ja auch nicht.<\/p>\n<p>Klar, die Ressourcenfalle, also viele Rohstoffe = stagnierende oder negative Entwicklung von vielen Wohlstandsaspekten, ist eine Herausforderung, aber wiederum ja nicht die einzige Herausforderung f\u00fcr die Mongolei oder selbst f\u00fcr die Bergbauindustrie.<\/p>\n<h2>5. Politisches Macho-Gehabe<\/h2>\n<p>Das ist jetzt ein Flop weniger in der Berichterstattung \u00fcber die Mongolei oder in der Analyse der dortigen Entwicklungen, sondern in der mongolischen Politik selber. Warum m\u00fcssen sich mongolische Politiker (ja, hier nicht -Innen) immer in diese engen Anz\u00fcge zw\u00e4ngen um ihren Muskelbau vorzuweisen. Ganz unangenehmes Putin-Verhalten. Und die Sicherheitsmannschaften um Politiker herum sind da noch viel schlimmer. A) wie gro\u00df ist denn die Bedrohung von mongolischen Politikern, selbst vom Pr\u00e4sidenten tats\u00e4chlich. Es gibt keinen Terrorismus in der Mongolei, nicht mal die sog. Oligarchen sind hier m\u00f6rderisch. Das ist doch alles nur eine gro\u00dfe M\u00e4nnlichkeits- und Machtdemonstration. B) M\u00fcssen die Sicherheitsleute wirklich wir eine Karikatur amerikanischer Secret Service Leute aussehen? Der Knopf im Ohr, der h\u00e4ssliche Anzug, die Sonnenbrille? Muss das wirklich sein? Wie w\u00e4re es denn mal, wenn mongolische Politiker stattdessen B\u00fcrgerInnenn\u00e4he demonstrieren w\u00fcrden?<\/p>\n<h2>Meine Hoffnung<\/h2>\n<p>Liebe Politikteil-Redaktion: Ich hoffe, dass die &#8220;Flop 5&#8221; Teil der Folgen bleibt. Oder, wenn Ihr sie schon abschaffen wollt, dann ladet mich doch wenigstens mal zu einem Gespr\u00e4ch \u00fcber die Mongolei ein. \ud83d\ude09<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>By Julian Dierkes Ich h\u00f6re inzwischen sehr gerne Podcasts, sei es um die Bundesliga zu verfolgen, kanadische Nachrichten besser zu verstehen, oder auch Entwicklungen in Deutschland nicht ganz aus dem Auge zu verlieren. 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